Die Leiden des alten W (111)

  • Ich bin hier zwar schon einige Zeit unterwegs, aber so richtig vorgestellt habe ich mich noch nicht. Ich bin Ralf aus Münster. Ich bin 54, Werber und Fotograf von Beruf und leidenschaftlicher Bastler. Häuser, Wohnungen, Gärten, Terrassen, Möbel, Instrumente - eigentlich ist wenig vor mir sicher. Gelernt habe ich ursprünglich einmal Dekorateur. „Ein Dekorateur kann alles, aber nichts richtig“ Das war die erste Aussage meines Ausbilders und irgendwie wurde das auch mein Lebensmotto.


    Inzwischen ist genug Zeit vergangen, zwischen den Erfahrungen und Leiden meiner beiden englischen Roadster, die ich beide zerlegt verkaufen musste. Die Spezialisten, die mir versicherten, die Restauration in nur wenigen Wochen über die Bühne zu bringen, strichen jeweils nach einigen Jahren die Segel und so kam es zwei mal zu Restaurationsabbrüchen und dem Verkauf als Schüttgut. Erinnern konnte ich mich aber noch gut an die unendliche Pannen. Die Ausfälle nachts, in der Pampa oder am Autobahnrand, in Holland, im Regen... Diese Erfahrungen prägen bis jetzt viele meiner Entscheidungen.


    Um die Roadstersehnsucht zu stillen, kaufte ich 2009 einen Porsche Boxster S von 2002. Er ist nivht so protzig wie ein 911er, unendlich zuverlässig und macht mir immer noch Spass. Einige Umbauten, Rückbauten und ein wirklich überragendes Soundsystem bedienten meine Bastlerseele. Merkwürdigerweise hat das Auto in den 10 Jahren so gut wie keinen Wert verloren, im Gegensatz zu meinem Audi A6 der nach 130.000km einen Wertverlust von rund 55.000,- vorwies.


    Zudem war ich ehrlich gesagt genervt von der Strategie der Automobilindustrie. Seit dem ich denken kann, ist das kürzlich gekaufte Auto plötzlich eine Ökosau. Und, ich kaufte immer brav ein Neues. Erst ein bleifreies, dann eines mit Kat, dann eines mit geregeltem Kat, eines mit Partikelfilter, Euro3, Euro4, eines mit Startstop, eines mit Energierückgewinnung, Euro5, Euro6 Euro777…


    Ich wollte was zum basteln, schon um der Langweile im Vorruhestand vorzubeugen. Im Mai 2017, als ich auf ein paar Freunde zur Probe wartete, wurde die Schnappsidee geboren ein Auto zu kaufen, dass so alt ist wie ich. Irgendetwas Aussergewöhliches das meinen Schäferhund und mich durch die Gegend cruisen lässt. Der muss ja bei den Roadstertouren leider zuhause bleiben. Schön sollte er sein und besonders - und Patina wollte ich - bloss keine Diva. Schon weil da ein Hund rein muss und ich mitten in der Stadt wohne und das Auto meistens draussen stehen muss.


    Ich googelte Autos Baujahr 1965. Das erste Bild war ein champagnerfarbener w111 Coupe - geil - schicke Karre - der wäre was. Meine Bandkollegen tauchte auf „Was ist das?“ „ Sowas kaufe ich mir in ein paar Jahren“, „Kauf doch jetzt, später ärgerst du dich wenn er weg ist“


    Am nächsten Tag war ich in Köln und das Auto war auf meinem Hänger. Leider sprang er nicht an, was den Verkäufer 5000,- kostete. Ich war mir sicher, mit 10.000 Euro habe ich die Karre topfit und für die nächsten 200.000 auf der Strasse. Das Auto ist ein französisches Regierungsfahrzeug und gehörte zum Fuhrpark der französischen Botschaft in Indonesien. Da wurde es laienhaft in 1989 restauriert und seit dem in den hintern Ecken der Tiefgarage gelagert.


    Ich hatte keinen blassen Schimmer was ich da gekauft habe und fing an mich klug zu machen (das ist noch nicht abgeschlossen… ;) . OK, eine Rarität, Handarbeit, keine Teile, schwierige Karosse, thermische Probleme, problematische Einspritzpumpe. Und dann die Fachleute: Unfallschäden, schlecht geschweisst, Spachtelorgie, verzogen , verklemmt… „Sofort zerlegen und dann in Ruhe wieder aufbauen…“ Ne, das kannte ich schon, dass machte mir Angst. Ich mochte ihn schon so wie er ist. Er war wie ich, bisschen Lack ab, ein bisschen verbaut, ein bisschen verbeult und schon ein paar mal was auf die Schnauze bekommen, irgendwie gefiel mir das.


    Die erste Werkstatt lies ihn erstmal einen Monat draussen im Regen stehen :( Kein Bock auf die Sch…karre!. Da musste er weg. Also fand ich einen Fachbetrieb, der selbst drei 111er hatte und dazu noch einige 111er von Kunden. Da musste er hin. Ich war sicher, die können das.


    Was auch immer dazu geführt hat, das mein Auto in der Werkstatt nicht glücklich wurde - ich weis es nicht. Personalmangel, zu viel zu tun, Antipathie, meine Naivität - oder einfach nur Pfusch. Eineinhalb Jahre und einen unteren 5 stelligen Betrag später hatte er TÜV und eine H Abnahme.


    Die ersten Fahrten waren ein Katastrophe. Das Auto ging beim runterschauten immer aus und hatte keine Lenkung und keine Bremsen mehr. Gas und Kupplung hingen und und und. Erinnern kann ich mich heute noch an folgende Mängel: Lenkrad nicht festgeschraubt, Hinterachse undicht (Öl auf der Bremsscheibe) , Hinterachse falsch eingebaut (Rad schleift am Radhaus), Dichtleisten an den Seitenscheiben undicht (kein Dichtmittel), Frontscheibe undicht (kein Dichtmittel), Heizung ohne Funktion (Rücklauf zugeschweisst), Heizungsbedienung fest (nicht gefettet), Gaspedal hängt (nicht gefettet), Gasgestänge hängt (nicht gefettet), Kupplungspedal hängt (nicht gefettet), Einspritzpump nicht angeschlossen, Alte Chromleisten verbaut (statt neuer),Radlager nicht gefettet… und vieles, sehr vieles habe ich verdrängt.


    Ich habe immer noch die feste Absicht mit dem Auto noch 200.000km zu fahren. Darum war mir immer wichtig präventiv in Sicherheit und Zuverlässigikeit zu investieren. Neu sind inzwischen schon ein paar Teilchen: :) Lichtmaschine, Lichtanlage/Scheinwerfer, Anlasser, Servopumpe, Lenkgetriebe, Lampendichtungen, Kühler, Thermostat, Heizung, Heizungsventile, Drehzahlmesser, Tachobrille, Edelholzteile, Tachowelle, Stossdämper, Querlenker, Motorlager, Getriebelager, Vorderachslager, Radlager, Bremskraftverstärker, Hauptbremszylinder, Radbremszylinder, Bremsscheiben, Bremsbeläge, Kupplungsnehmerzylinder, Kupplungsgeberzylinder, Tank, Benzinleitungen, Benzinpumpe, Einspritzpumpe, Einspritzdüsen, Thermozeitschalter, Gasgestänge, Hardyscheibe, Kardanwelle, Kardanwellenlager, Frontscheibe, Dichtung, Heckscheibe , Dichtung, Chromleisten, Dichtungen der Seitenscheiben, Heckdeckeldichtung, Schiebedachdichtungen, Auspuff, Hinterachse (3,69 statt 4,06), Zündanlage (elektronisch) viele Zierleisten und viele, viele Kleinteile.


    12.000km haben mein Schäferhund und ich seit Oktober mit dem Auto zurückgelegt. Abends und an den Wochenenden fahren wir in den Wald oder an den See, mein Hund erkundet die Umgebung und ich bastel, schraube, schleife und lackiere. Es vergeht kein Tag an dem wir nicht fotografiert begrüsst oder gefilmt werden. Das ganze Viertel liebt das Auto und gibt penibel darauf acht. Keine Oma und kein Kind geht ohne Gruss daran vorbei. Geheiratet wurde schon damit, bei Sedkartenshootings ist er eine gefragte Location und im Fernsehen war er auch schon.


    Vielen hier im Forum bin ich schon auf die Nerven gegangen und werde das wohl auch nicht lassen können. Viel mehr aber haben mir geholfen, mit mir und über mich gerätselt und mir Mut gemacht. Dafür meinen herzlichsten Dank.


    Ich kann alles, aber nichts richtig und - ich würde alles wieder so machen :)


    Ralf

  • Das ganze Viertel liebt das Auto und gibt penibel darauf acht.

    Erstaunlich in heutiger Zeit.


    Durchhaltevermögen scheint bei Dir ausgeprägt zu sein, aber das braucht man auch bei dem Hobby. Ich ertappe mich immer wieder wie ich im Geiste die Ebay-Anzeige formuliere "Sammelsurium von diversen alten, fahrbereiten Mercedes(en) abzugeben, nur en bloc, ab 1 Euro" =O


    Schöne Vorstellung - danke!


    Grüße

    Markus

  • Am Ende wird alles gut, wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.


    Beim derzeitigen Wellness Werkstattbesuch, (Neue Achs-, Motor- und Getriebelager, war auch der Austausch der hinteren Federgummis geplant. Das klappte nicht weil: Die verbauten Federn passten gar nicht zum Auto :)

    Dicker, kürzer, abgeflexter...


    Sachen gibts!


    Bin gespannt wie er sich heute abend fährt :)


    BG Ralf


  • Hallo Ralf,

    gelungener Auftritt.

    @ Markus, die Mehrzahl von Mercedes ist Benze;)

    oder vielleicht Mehrcedes^^

    ich dacht das wäre dann Mehrbenze :thumbsup:


    Ihr wieder...


    Völlig falsch. In Stuttgart arbeitet man beim Daimler und fährt einen Daimler - und da ist Einzahl und Mehrzahl völlig egal.


    Wie schon unser leider verstorbener Schwabenrocker Wolle Kriwanek sang:

    'I fahr Daimler, d' Schdrohß g'hert mir,

    wer koin Blatz macht, den nem i aufs Korn ond ens Visier'


  • Du weißt aber schon, dass es verschiedene Federn -Gummi-Kombinationen gibt, die auf das Fahrzeug abzustimmen sind?


    Gruß


    Ulli

    230 SL 10/63
    220 SE 07/64
    - irgendwas ist immer...
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    vdh-Regionaltreff Münster/Münsterland
    jeden 3. Mittwoch ab 19.30 Uhr im RoadStop,
    48157 Münster, Schiffahrter Damm 315


    www.pagodentreff.de

  • Du weißt aber schon, dass es verschiedene Federn -Gummi-Kombinationen gibt, die auf das Fahrzeug abzustimmen sind?


    Gruß


    Ulli

    Hi Ulli, ich denke das. Laut Liste gehört zum 250er ein 18mm Gummi. Ich hätte gerne mehr genommen, aber da wollte ich auch kein Risiko.


    BG Ralf


    PS: Ich hab bei MB Classic anhand der Fahrgestellnummer die Kombination bestimmen lassen und bestellt. Bisher habe ich da keine schlechten Erfahrungen. Mein Meister war damit sehr zufrieden. Das Auto fährt sich gut, stabiler, ruhiger und leiser.